kiara hat geschrieben:Tatsächlich, allerdings gibt es sehr wesentliche Unterschiede zwischen Rauchen und Fleischkonsum:
1) Rauchen ist ohne Zweifel stark gesundheitsschädigend. Das ist unumstritten. Fleisch hat einen ambivalenten Ruf, doch einige Ernährungsphilosophien sehen Fleisch als einen gesunden Teil der menschlichen Ernährung. Keine, oder nur verschwindend wenige, Wissenschaftler sehen Rauchen als einen gesunden Teil des menschlichen Konsums. Das heißt, die Kritik am Rauchen steht (ob gerechtfertigterweise oder nicht) auf "sichereren Beinen" als gesundheitliche Kritik an Fleischkonsum. (Hier geht es mir nicht um die objektive Gesundheitswirkung von Fleisch, sondern um die von der Gesellschaft / von Ernährungswissenschaftlern angenommenen Effekte auf die Gesundheit.)
2) Die Erkenntnis der Effekte des Rauchens ist m.M.n. nicht so ethisch belastend wie die Erkenntnis der Konsequenzen des Fleischkonsums - wer als Raucher sich wirklich klar macht, wie giftig Rauchen ist, erkennt dadurch "lediglich" den Schaden am eigenen Körper an - wer als Fleischesser sich bildlich das vermeidbare Leid durch Tierhaltung klarmacht, ist plötzlich mit gigantischen moralischen Schuldgefühlen überwältigt und m.M.n. als Omnivorer oft überfordert, weswegen zurück in die Verdrängung gegangen wird. Ich glaube nicht, dass Menschen das aus Boshaftigkeit tun, ich glaube, sie durchblicken die Konsequenzen ihres Handelns einfach nicht.
3) Raucher sind in der praktischen sowie gefühlten Minderheit, Rauchen ist, simpel ausgedrückt, "unnormal", während Fleischkonsum als "normal" gilt, als biologische und soziologische Norm.
Natürlich gibt es Unterschiede. Ich meinte auch, sie seien vergleichbar, nicht identisch.
1) "Fleisch"konsum ist m.E. nicht weniger selbstverständlich gesundheitsschädlich. Dass man ohne Leichenteile völlig gesund leben kann ("Vegetarier leben länger" liest man ständig), ist weitgehend bekannt und wird kaum in Frage gestellt. Hier gibt es kaum einen großen Unterschied. Beim Veganismus ist es nicht ganz so, aber im Fall von "Vegetarier sind Mörder" (VsM) ähnlich: Unter Vegetarier ist die Möglichkeit des Veganismus meistens bekannt und die gesundheitliche Nicht-Schädlichkeit hat bei ihnen einen ähnlichen Status wie dieselbe des Nicht-"Fleisch"konsums.
2) Es ist richtig, dass die Darstellung der ethischen Folgen des Unveganismus drastisch und belastend wirken kann, aber die Situation in Bezug auf die Überzeugungsstrategie ist trotzdem etwas anders. Da in den Medien ständig von Tierleid berichtet wird (von Tiertransporten oder "Skandalen" bzgl. Zuständen in manchen Tierausbeutungsanlagen oder Schlachthöfen), ist sich fast jeder der Folgen für die Tiere bewusst, verdrängt sie aber immer wieder. Um hier Wirkung zu erzeugen, muss man diese Verdrängung durchbrechen, das geht nur konfrontativ.
Zudem scheinst du die Abwehrreaktion überzubewerten. Wie bereits gesagt, ist die heftige Abwehr auf Texte wie VsM das Zeichen, dass sie funktionieren, d.h. Wirkung zeigen. Nur wenn eine Abwehr erfolgt, wurde der Verdrängungsmechanismus empfindlich, d.h. wirksam, getroffen. Was an diesen ersten Reaktionen oft nicht ersichtlich ist, ist, dass diese Wirkung langsam fruchtet und sich die Betroffenen, da sie feststellen müssen, dass wir Recht haben, schließlich anfangen umzudenken. Genau diese Abfolge zeigen die Reaktionen von vielen Leuten, die VsM gelesen haben.
Ich fand es auch erschreckend auf die nase gebunden zu bekommen,als vegetarierin nicht besser zu sein als andere....sogar noch schlimmer!Ich werde versuchen als veganerin zu leben auch wenn es mir nicht leicht fallen wird!Aber es ist für mich mich und meine seele´und vor allem natürlich für die tiere besser wenn ich meinen lebensstil wandel!!danke für den arschtritt!!! (http://tierrechtsforen.de/2/586/2641)
Mein Freund und ich sind Ende Februar '03 durch den Text vegan geworden.
Wir wollten es nicht war haben, wollten eine bitterböse Mail an Achim schreiben und mussten dann erkennen, dass wir nichts widerlegen konnten. (http://tierrechtsforen.de/2/586/1813)
Ich bin die Miriam und bin durch euren Text "Vegetarier sind Mörder" vegan geworden. Naja, genaugenommen war Text nur der Stein des Anstoßes. Ehrlich gesagt fühlte ich mich als Vegetarierin nur blöd angemacht, aber dennoch beschäftigte ich mich mit dem Thema und musste erkennen wie recht ihr mit eurem Text habt. (http://tierrechtsforen.de/2/586/1876)
usw.
Bevor der Hinweis auf Einseitigkeit oder selektive Wahrnehmung kommt: Die negativen Reaktionen darauf gibt es, sie lassen sich zu zwei Gruppen zuordnen: 1. die Leute, die den Artikel nicht gelesen haben (sehr deutlich aus Formulierungen wie was habt ihr gegen vegetarier? was haben sie denn falsch gemacht? usw.), 2. die, die ohnehin nicht vegan werden wollen. Da es bei Vegetariern im Gegensatz zu Veganern nicht wenige gibt (min. die Hälfte), die aus gesundheitlichen oder religiösen Gründen vegetarisch leben, nicht aus ethischen, sind das Speziesisten wie alle anderen. Sie haben das Problem verstanden, es interessiert sie nur nicht, daher nehmen sie den Text als Vorwand für ihre Unwilligkeit.
Gibt es auch solche, die wirklich "abgeschreckt" wurden? Manche sicher, aber das ist der kleinste Teil (s.o.) und beweist nur, dass kein Text und keine Strategie perfekt ist, d.h. mit der man absolut alle Menschen erreichen kann. Da das Internet jedoch voller vegetarismusfreundlicher Seiten ist, ist so ein Ausgleich mehr als sinnvoll. Die Reaktionen, die sagen, sie hätten hier im Gegensatz zu anderen veganismusbezogenen Seiten zum ersten Mal Kritik gelesen, bestätigen das.
3) Wieso das Minderheitenargument gegen konfrontative Werbung spricht, verstehe ich nicht ganz.
das ist eine negative Botschaft, würd ich sagen...?maqi hat geschrieben: Natürlich gibt es auch positive Botschaften (Rauchen verursacht Gesundheitsschäden usw.),
In dieser Formulierung ja. Ich hatte die andere Formulierung (derselben Aussage) im Sinn (ohne Rauchen leben Sie gesünder). Im Bereich Veganismus kann man die Aussagen aber leider nicht einfach umdrehen, da dies nicht bekannt ist. Vegetarier sagen ständig "für mich muss kein Tier sterben", weshalb man die Falschheit dieser Aussage deutlich aussprechen muss und die umgedrehte Aussage nur auf Unverständnis stieße.
Ja, meiner Meinung nach sind diese Werbungen nicht besonders effektiv. Sie helfen m.M.n. hauptsächlich präventiv bei Nichtrauchern.
Studien sagen etwas anderes. Hier ein Zeitungsartikel dazu:
"Mit den drastischen schriftlichen Warnhinweisen auf den Schachteln haben wir bislang schon große Fortschritte erzielt", erklärte der britische Gesundheitsminister Alan Johnson. [...]
Im Detail brachte die jüngste Studie aus dem Jahr 2006 folgende Ergebnisse:
- 71 Prozent der erwachsenen Raucher sagten, dass sie die Warnungen als effektiv empfanden (im Jahr 2001 waren es noch 54 Prozent gewesen).
- 90 Prozent der Kanadier (90 Prozent erwachsende, 93 Prozent jugendliche Raucher) sagen, dass sie die Warnhinweise auf den Packungen wahrgenommen haben. Die Raucher (99 Prozent erwachsen, 98 Prozent jugendliche) betonen fast einstimmig, sich an die Bilder erinnern zu können (vorherige Studien ergaben fast ähnliche Resultate)
[...]
Im Gesamtergebnis scheinen sich die Warnhinweise positiv auszuzahlen: Kanada hat mit einer Raucherquote von 19 Prozent eine der niedrigsten weltweit. (http://www.stern.de/gesundheit/gesundhe ... 96750.html)
Unabhängig von der Verschiedenheit von Rauchen und Unveganismus beweist das, das konfrontative Methoden erfolgreich sind.
Eine negative Botschaft "X hängt kausal zusammen mit Schlechtem Y, also unterlasse X" "schiebt" den Empfänger in eine bestimmte Richtung - weg von X. Da aber Menschen empfindlich sind und mit der bewussten Wahrnehmung von vielen potentiellen Gefahren überfordert wären (und viele davon auch unsinnig sind, weil man ja heutzutage einer großen Menge an Informationen ausgesetzt ist), bauen sie sich eine geistige Mauer als Schutz. Die bricht erst dann ein, wenn der Mensch X nicht mehr tut und daher geistig nicht mehr von Y bedroht ist. Am Raucher-Beispiel: ein Raucher verdrängt Krebsgefahr, Nikotinsucht, Geldmangel, bis er geschafft hat, aufzuhören, dann können ihm diese Probleme im vollen Umfang klar werden, weil sie ihn nicht mehr bedrohen, da er jetzt Nichtraucher ist.
Ja, das ist meistens das Schema, aber das sagt doch deutlich, dass man bestrebt sein muss, diese Wirkung bereits vorher zu erzeugen. Wie gesagt: die (- wie du weißt - unglaublich starke) Verdrängung muss überwunden werden. Das geht nicht auf die sanfte Art.
Eine positive Botschaft "Nicht W hängt kausal zusammen mit Gutem Z, also tue W" würde ich als Pull-Effekt bezeichnen. Da es aber normal ist, dass es viele tolle Optionen gibt, fühlt sich der Mensch davon nicht bedroht, schottet sich also nicht ab, sondern die Optionen werden abgewogen - wofür Zeit, Mühe, Geld investiert wird.
Nur ist das nur die eine Seite. Die Abwägung der Optionen fällt immer zu der Seite, die leichter umzusetzen ist und das ist die Nicht-Änderung. Ohne wirklich zwingende Gründe, und das sind nur die ethischen, nicht die gesundheitlichen/ökologischen, fehlt der finale Anreiz.
Nun gibt es aber den - ich glaube Großteil - der Menschen, die mögen lieber ein gemütliches "gemachtes Nest", in das sie sich "geistig reinsetzen können": eine Seite über Schneidern oder eine Seite über Katzen oder... usw. you get the idea. Das finde ich auch nicht denkfaul, sondern eher menschlich und normal, und eigentlich ist Veganismus ja etwas positives, schönes und angenehmes, also denke ich, dass eine derartig gestaltete Seite dem Thema auch gerecht würde.
Wie gesagt: es gibt Duzende nicht-konfrontative Seiten, genau genommen kenne ich keine andere (mit gewissem Bekanntheitsgrad), die in Bezug auf Vegetarier konfrontativ wäre. In Bezug auf sonstige Unveganer gibt es auch nur wenige. Es gibt also genug Möglichkeiten für Unveganer, es sich bequem zu machen, und die Ergänzung durch andere Methoden ist umso notwendiger.
Verbale und körperliche Gewalt sind nicht so getrennt wie sie uns immer scheinen.
Dass es Wechselwirkungen gibt, will ich nicht bestreiten. Dennoch sind sie so gering, dass ich deinen Vergleich weiterhin für überzogen halte. Abgesehen davon sind objektive Feststellungen keine verbale Gewalt, denn erst die Subjektivität einer Aussage macht sie zur Beleidigung.
Meiner Meinung nach führen solche konfrontativen Seiten also in den meisten Fällen zum Ignorieren, da sich Menschen diesem Schmerz nicht auseinandersetzen wollen.
Ich wie bereits argumentiert habe: das Ignorieren und Verdrängen entsteht nicht erst durch bestimmte Aktionsformen, es ist die ganze Zeit da. Jedem ist bewusst bzw. nach ein paar wenigen Erläuterungen klar, dass für Tierprodukte Tiere sterben. Es hilft nichts, die Verdrängungen weiter zu unterstützen, sondern wenn man sie jemals überwinden will, muss man sie angreifen.
Ich finde, diese Erkenntnisse über die Konsequenzen des Nichtveganismus sollten vom Menschen selbst kommen, nachdem er vegan geworden ist, und auch nur, nachdem er sich erlaubt, sich da selbst zu entschuldigen, da er damals eine andere Perspektive hatte. Denn die Vorwürfe sind groß.
Wie soll das gehen? Die Einsicht ist der Faktor, der zur Verhaltensänderung führt. Wie willst du eine Verhaltensänderung ohne Einsicht erzeugen?
Die Einsicht, dass man eine heiße Herdplatte, die am anfasst, loslassen sollte, kommt in dem Moment der Schmerzempfindung (und erst die ist die Motivation zum Loslassen), nicht erst hinterher, wenn man seine Verbrennung betrachtet.
Das finde ich auch schlimm, aber ich fürchte, dass es zu den Sachen gehört, die ich nicht ändern kann.
Natürlich nicht. Deshalb muss man auch darauf eingehen indem man seine Strategie diesen Tatsachen anpasst. Man kann keine Strategie auf seiner persönlichen Wunschvorstellung von der Welt begründen. Mir wäre auch lieber, würden die Menschen streng rational denken, das würde viel Argumentationsarbeit ersparen, leider ist es so, also muss ich mich darauf einstellen.
Diese sind aus ähnlichen Gründen wie bei Anti-Rauch-Plakaten anders wirksam als bei Veganismus. Bei AIDS ist das "Böse" noch offensichtlicher als beim Rauchen, und die Anzahl der Betroffenen noch kleiner.
Wie gesagt: es geht nicht um die gesamtgesellschaftliche Stellung dieser Bereiche, sondern um die psychologische Tatsache, dass konfrontative Methoden wirksam sind, weil sie nicht abschrecken, sondern aufschrecken.
Das ist sicherlich richtig und ich denke, dass der Ansatz eine gute Idee ist, doch ich finde, auch da gibt es zu viele negative Botschaften. Ich denke, am effektivsten ist ein Gemisch, in dem eine negative Botschaft kombiniert wird mit einer Überzahl an positiven Botschaften. Als simples Beispiel: "Rauchen ist schlecht für dich. Besiege das Rauchen. Kaufe unsere Antirauchpflaster. Stärke deinen Körper." oder so ähnlich besteht aus einer negativen und drei positiven Botschaften. Das Konzept ließe sich m.M.n. gut auf Vegan-Werbung für Vegetarier übertragen. Vegetarier sind dabei glaube ich besonders gut zu überzeugen, weswegen drastischere Konzepte möglicherweise unnötig abschreckend wirken könnten.
Das ist genau das Konzept, was besteht: Vegetarier sind im traditionellen Umfeld von Veganismus-Seiten ständig von (ausschließlich) positiven Argumenten umgeben und dadurch prädestiniert. Die "negativen" Fakten sind dann der letzte Denkanstoß.

