Alnatura will Tarif zahlen

Politische Diskussionen ohne Tierrechtsbezug

Alnatura will Tarif zahlen

Beitragvon kirsche am 1. Apr 2010 18:21

Nach Kritik will größte Öko-Supermarktkette allen Beschäftigten Tariflöhne zahlen. Ver.di ist aber noch nicht zufrieden, denn andere Märkte bleiben bei untertariflichen Gehältern. VON JOST MAURIN

BERLIN taz | Die von der taz ausgelöste Medienkritik am Lohndumping bei Deutschlands größter Bio-Supermarktkette Alnatura zeigt Wirkung: Das hessische Unternehmen hat angekündigt, künftig allen Mitarbeitern Gehälter mindestens in Tarifhöhe zu zahlen. Die Gewerkschaft ver.di begrüßte die Entscheidung.
"Es ist unsere Leitlinie, dass die Alnatura-Mitarbeiter ein Einkommen nicht unter dem Tariflohn bekommen. Wir prüfen daher aktuell alle Mitarbeiterverträge und werden die Fälle korrigieren, die nicht unserer Leitlinie entsprechen", teilte Firmensprecherin Manon Haccius am Donnerstag der taz mit. Als Grund nannte das Unternehmen die kritische Berichterstattung in den Medien. Unklar ist noch, ab welchem Zeitpunkt die Erhöhung gelten soll.
Die taz hatte am Dienstag gemeldet, dass Alnatura wie die meisten anderen Bio-Händler ihre Mitarbeiter teils schlechter bezahlt als konventionelle Läden. Der niedrigste Stundenlohn liegt bei 7,50 Euro. Das ist 16 Prozent weniger als das geringste Gehalt im aktuellen Tarifvertrag, den ver.di und der örtliche Arbeitgeberverband für die Hauptstadt ausgehandelt haben. Eine Verkäuferin in der Berlin-Kreuzberger Filiale bekommt rund 30 Prozent weniger, als der Tarif bei ihrer Berufserfahrung vorsieht.
Margret Mönig-Raane, Vize-Chefin von ver.di, erklärte: "Natürlich ist es eine gute Nachricht für die Beschäftigten, dass ihre Einkommen jetzt an das Niveau unserer Flächentarifverträge angepasst werden." Offenbar habe die Unternehmensleitung erkannt, dass allein die von ihr immer wieder herausgehobenen guten sozialen Bedingungen weder einen guten Arbeitgeber ausmachten noch die laufenden Kosten der Beschäftigten deckten. Allerdings müsse Alnatura nun auch dem Arbeitgeberverband beitreten, so dass die Firma Änderungen an den Tarifverträgen automatisch übernehmen muss. "Dieser Schritt sollte für ein Unternehmen, das so hohe Maßstäbe an einen fairen Umgang miteinander legt, eine Selbstverständlichkeit sein."
Alnaturas Öko-Konkurrenten wollen dennoch weiter auch unter Tarif bezahlen. "Wir sind immer noch nicht in den schwarzen Zahlen und deshalb überhaupt nicht mit Alnatura zu vergleichen", sagte Swaantje Katz, Sprecherin der drittgrößten Kette Basic, der taz. Tatsächlich erwartet das Unternehmen für das vergangene Geschäftsjahr bei 96 Millionen Euro Umsatz knapp vier Millionen Euro Verluste, während Alnatura bei 361 Millionen Euro Umsatz einen Gewinn einfuhr, auch wenn es die Höhe nicht nennt.
Auch die in Berlin und Hamburg vertretene Kette BioCompany bleibt bei ihren teils untertariflichen Löhnen. Das niedrigste Gehalt für Festangestellte beträgt nach Firmenangaben etwa 8,30 Euro pro Stunde - also ebenfalls unter dem Eingangsgehalt von 8,91 Euro aus dem Tarifvertrag. "Ich sehe es als Verpflichtung als Unternehmer an, zum Tarifgehalt zu kommen, aber im Moment geht das noch nicht", entschuldigte sich Geschäftsführer Hubert Bopp. Wenn das Unternehmen keinen Gewinn mehr schreibe, würde es keine Kredite für die Eröffnung weiterer Filialen mehr bekommen.
Bio-Firmen weisen auch immer wieder darauf hin, dass sie etwa für ihre Käse- und Fleischtheken mit Bedienung mehr Personal benötigen als etwa konventionelle Discounter. Die Nummer Zwei bei den Bio-Ketten, "denn's Biomarkt", wollte sich zur seiner Lohnpolitik nicht äußern.
Die Gehälter bei Alnatura hatten auch deshalb Aufsehen erregt, weil das Unternehmen damit wirbt, "fair mit unseren Partnern in Produktion und Handel" zusammenzuarbeiten. Zudem werden im deutschen Einzelhandel allgemein laut Branchenverband HDE mehr als zwei Drittel des Personals nach Tarif bezahlt. Unbestritten ist, dass die Bio-Branche den Bauern ein höheres Einkommen verschafft und die Umwelt erheblich entlastet.
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Beitragvon Eacon am 9. Apr 2010 09:23

Find ich an sich gut - auf für den Ruf von Naturkost & Co.
Ist schon klar inwiefern sich das auf die Produktpreise auswirken wird?

...Käse- und Fleischtheken mit Bedienung mehr Personal benötigen als etwa konventionelle Discounter.

...tja dafür gäbe es eine GANZ einfache Lösung... :twisted:
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Re: Alnatura will Tarif zahlen

Beitragvon Zageism am 10. Apr 2010 20:51

Dass Alnatura nun Tariflöhne zahlen möchte ist im Prinzip ja ganz nett, aber da die Gewerkschaften seit Jahren an Einfluss verlieren und Arbeiter sich immer schlechter organisieren, sind diese oftmals schon so aufgeweicht und schlecht ausgehandelt, dass eine Bezahlung nach dem Tarif nicht zwangsläufig eine faire Bezahlung bedeutet.
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Beitragvon Akayi am 10. Apr 2010 20:58

Was soll denn bitte schön ein "fairer Lohn" sein?
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Re: Alnatura will Tarif zahlen

Beitragvon Zageism am 10. Apr 2010 21:15

Ganz grob: Ein Lohn, von dem ein Mensch vernünftig leben kann. Unfair ist ein Lohn bspw. wenn der Arbeitnehmer aufstocken muss, der Unternehmer sein Kapital riesig verzinst. Wie hoch ein Lohn sein muss, damit er als fair gilt, ist aber sicher Ansichtssache.
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Beitragvon kirsche am 11. Apr 2010 08:35

Zageism hat geschrieben: aber da die Gewerkschaften seit Jahren an Einfluss verlieren und Arbeiter sich immer schlechter organisieren

was ja auch vom staat gewollt ist und mit unter unterstützt wird . . .
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Beitragvon Akayi am 11. Apr 2010 09:18

Ob dieses Konzept mit dem "fairen Lohn" irgendwie hinhaut, das sei einmal dahingestellt. Es ist auf jeden Fall richtig, dass es sich hierbei nicht um einer erkämpfte oder wenigstens ausgehandelte Bedingung handelt sondern im Grunde um eine Marketing Entscheidung von Alnatura. Dies von heute auf morgen Makulatur sein kann. Die Auswirkungen wie z.B. die 16% mehr in der niedrigsten Gehaltsstufe sind natürlich trotzdem gut für die Leute die es betrifft.
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Beitragvon Zageism am 11. Apr 2010 13:53

kirsche hat geschrieben:
Zageism hat geschrieben: aber da die Gewerkschaften seit Jahren an Einfluss verlieren und Arbeiter sich immer schlechter organisieren

was ja auch vom staat gewollt ist und mit unter unterstützt wird . . .

Was aber vor allem daran liegt, dass durch Indiviualisierungsprozesse im Prinzip alle Organisationen Mitglieder verlieren: Parteien, Vereine und natürlich auch Gewerkschaften. Mit wenig Mitgliedern kann ich, wenn es nicht gerade um spezielle Arbeitsbereiche geht wie die Bahn, meist auch nicht viel erreichen. Das staatliche Lohndumping durch die Hartz-Gesetze sorgt dann für eine weitere Verschlechterung.

Akayi hat geschrieben:Ob dieses Konzept mit dem "fairen Lohn" irgendwie hinhaut, das sei einmal dahingestellt. Es ist auf jeden Fall richtig, dass es sich hierbei nicht um einer erkämpfte oder wenigstens ausgehandelte Bedingung handelt sondern im Grunde um eine Marketing Entscheidung von Alnatura. Dies von heute auf morgen Makulatur sein kann. Die Auswirkungen wie z.B. die 16% mehr in der niedrigsten Gehaltsstufe sind natürlich trotzdem gut für die Leute die es betrifft.

Klar sind 16% Lohn mehr erstmal nett. Im Prinzip haben die Alnatura-Mitarbeiter dadurch aber keine Verhandlungsbasis mehr für höhere Löhne, da das Unternehmen sich ja selbstständig an den Tarif angepasst hat.
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Beitragvon Akayi am 11. Apr 2010 14:12

Zageism hat geschrieben:Klar sind 16% Lohn mehr erstmal nett. Im Prinzip haben die Alnatura-Mitarbeiter dadurch aber keine Verhandlungsbasis mehr für höhere Löhne, da das Unternehmen sich ja selbstständig an den Tarif angepasst hat.

Erklär' mal bitte, warum deshalb die Verhandlungsbasis verschwinden soll.
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Re: Alnatura will Tarif zahlen

Beitragvon Zageism am 11. Apr 2010 14:41

Warum sollte Alnatura bspw. noch Verhandlungen zustimmen, die einen Haustarif zum Ziel haben, der höher ist, als der Tarif, dem man sich nun anpasst? Tariflöhne haben, obgleich die Arbeitnehmerorganisationen beachtlich kleiner geworden sind, immer noch den Anschein einer "fairen Entlohnung", eines guten Miteinanders der Unternehmer und der Belegschaft. Alnatura kann sich nun auf einen Tarif beziehen und kann weitere Verhandlungen dadurch umgehen.
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